Diese Geschichte beinhaltet keinerlei Komik und ist somit eine Ausnahme , aber ich fand , sie sollte die Welt des Lichtes erblicken. Autor: Michael Walter, Kiel
Sommer '62
Eine herrliche Zeit. Seit Wochen schon ist es heiß, nur in den Nächten ein warmer Regen. Was will man mehr? Vor allem, wenn man gerade 20 geworden ist, und nun auf der Mole am Hafen in der Sonne vor sich hin döst?
Es ist sehr heiß auf der Insel, es weht kein Wind, das Wasser wirkt weich und glatt. Eine leichte Dünung, die schräg in die Hafeneinfahrt rollt, verwandelt die schmalen Spiegelbilder des jungen Pärchens, welches auf der Mole Beine und Seele baumeln läßt, in groteske Körper.
Ein Schwarm kleiner Fische ändert plötzlich seine Richtung, als ein Aal auf ihn zuhält. Er scheint nicht hungrig - zumindest nicht auf die kleinen, lebendigen Fische. Er bevorzugt eher totes Fleisch... doch selbst er wirkt ruhig und friedlich.
" Na, was ist? Traust Du Dich? "
Na super, sie hat wieder einen ihrer glorreichen Einfälle!
" Was denn? "
" Na reinspringen! Mit den Klamotten, ich halt's hier nicht mehr aus. Ich schmelz gleich ins Wasser. Los komm! Kopfsprung! "
" Ach komm, hör auf! In das Dreckwasser? "
"Stell Dich nicht an, Langweiler, dann duschen wir eben nachher, na ?"
Das mag ich ja so an ihr: sie hat die Gabe, die blödesten Ideen so gut zu verpacken, daß die Folgen gegenüber der Aussicht auf die Belohnung ihre Schrecken verlieren ...
Trotzdem :
" Weißt Du, was da unten für'n Gerümpel liegt ? Und dann noch'n Kopfsprung ? Vergiß es, laß uns doch lieber gleich duschen, hm ? "
" Memme, was interessiert mich das Gerümpel? Mach doch einfach mal das, wozu Du Lust hast ! "
" So, wie der alte Mommsen, ja ? Jede Wette, daß der über Bord ging und in den Bach fiel . "
" Na und ? "
Der Rest ihrer Worte geht mit ihr im Klatschen des Wassers unter . Mit dem perfekten und für sie typischen Kopfsprung, um den ich sie schon länger beneide, verschwindet sie im trüben, grünen Wasser .
Mist! Wenn ich etwas an ihr hasse, dann daß sie genau weiß, wie sehr ich ihre Art mag. Und , daß sie dieses Wissen immer wieder so schamlos ausnützt ... Tja, ich liebe sie wohl wirklich ... Und trotzdem; ich werde nicht hinterherspringen, diesmal nicht !
Niemand weiß es, aber die Tiefe mit ihren dunklen Schatten macht mir Angst.
Nein, ich werde nicht nachkommen ...
Langsam werde ich erst nervös, bevor ich merke, wie tief aus meinem Bauch die Angst hochsteigt und immer größer wird. Vor meinem Inneren Auge sehe ich sie unter Wasser: eingeklemmt zwischen Gerümpel, verzweifelt strampelnd ! Ich spüre, wie die bloße Vorstellung mir die Lungen eindrückt ...
Nein, ich geh da nicht runter ! Nein , nicht mit mir ! Sie wird gleich auftauchen ! !
Und doch springe ich ...
... das Wasser ist warm und weich. Aber es ist auch so trübe, so verdammt trübe! Ich sehe nichts, während ich langsam tiefer gehe . Mit jedem Meter nimmt die Sicht ab und die Angst zu !
Meine Augen sind an das Wasser nicht gewöhnt, alles wirkt unscharf und riesengroß. Was ist da hinter mir ? In meiner Vorstellung greifen mich Gestalten von hinten an und umkreisen mich! Etwas berührt meinen Fuß , rutscht zum Knie hinauf ! Mein Gott !! Ich will weg ! Panik greift nach mir , zerquetscht meine Lungen ... Rauf ... nach oben !
Ich atme frische Luft , die Panik läßt nach, aber die Angst wird größer ...
Ist sie immer noch da unten ?? Ich rufe sie ... .. keine Antwort ... Seegras treibt vorbei , verfängt sich in meinen Armen ... oh Gott , ich muß wieder runter ! Oh Mist ... , oh Kacke !!
Ich zwinge mich zur Ruhe, tauche, gehe runter, wo sie verschwand und konzentriere mich auf das, was vor mir liegt ; doch langsam tauchen die Gestalten wieder auf, nur um gleich wieder zu verblassen. Ich darf jetzt nicht an meine Monster denken !
Mit dem Fuß stoße ich an einen harten Gegenstand, so, daß mein Herz zu rasen beginnt ! Mit den Händen taste ich mich voran. Eisen. Metall. Plötzlich etwas Weiches !!
Mein Herz scheint immer größer zu werden, es schlägt und schlägt immer schneller. Ein Schatten auf der linken Seite, ein Kribbeln im Rücken ! Weg hier , weg !
Aber sie braucht mich doch !!
Ich greife nach ihr, ziehe; sie ist eingeklemmt !!
Ich meine, sie rufen zu hören: " Ich bin hier ! "
Verzweifelt zerre ich an ihrem Arm, sie löst sich! Obwohl sie sich nicht regt, steigen wir schnell nach oben. Es scheint , als ziehe sie mich .
Ein Stein fällt mir vom Herzen, ich habe die dunklenSchatten besiegt. Ich bin nicht weggelaufen ! Und doch fühle ich ein Unbehagen. Etwas stimmt nicht !
Als wir die Wasseroberfläche durchbrechen, höre ich sie meinen Namen rufen. Wie aus weiter Ferne.
Warum schreit sie ?
Warum kommt ihre Stimme von der Mole ?
Wenn ich doch etwas sehen könnte, meine Augen brennen vom Salzwasser .
Als ich es mir aus den Augen wische, sehe ich sie schreiend auf der Mole stehen !!
Mein Herz schlägt wieder schneller, das Grauen packt mich, wie da unten in der Tiefe! Es ist nur Einbildung, es ist nicht wahr !!
Aber ich spüre doch ihren weichen Körper in meinen Armen !!!
DANN SCHAU DOCH HIN ! !
Er spürt nicht mal den Stich im Herzen, es wird einfach dunkel ...
Sein Körper sackt langsam in die Tiefe ... ...
Auf der Mole das Mädchen, das gerne mal Späße machte, bewußtlos zusammen ...
Der alte Mommsen treibt bleich auf dem Wasser .... .....
Ein Aal gleitet ruhig in die Tiefe hinab ....
und bleibt dort unten ...
im Dunkeln ...